Erste Metropole ohne Flughafen

03.04.2014

Erste Metropole ohne Flughafen

Holprig gelandet: Harald Welzers Berliner Stiftungsrede

Für eine vermeintlich knackige Pointe riskiert Harald Welzer alles. Neunzig Minuten lang hat er an diesem Abend (2.4.) vorm überfüllten Allianzforum am Brandenburger Tor die große und programmatische Eröffnungsrede zur Berliner Stiftungswoche gehalten. Mit guten und wichtigen Bemerkungen zu Transformation und Resilienz von Städten, das völlig richtige Thema für Berlin. Und was fällt Welzer für seine Schlußsequenz ein, dem Ausrufezeichen jeder Rede? Er zieht über den Pannen-Airport BER her!

 

68.000 festgestellte Baumängel, ein Planungshorizont ohne Jahreszahl "im poetischen Raum", immense Ressourcen für ein Projekt, "das nie funktionieren wird". Oder vielleicht anders? Jetzt kommt Welzers Witz um die Ecke: Er habe den Verdacht, dass Berlin seinen Anspruch als weltführende Transition Town damit belegen wolle, als "erste Metropole ohne Flughafen" auszukommen. Die gebaute Schönefelder Hardware könnte dann für ein "Museum zur Mobilität des 20. Jahrhunderts" genutzt werden. Lächerlich, und tatsächlich wird gelacht.
Kein Wort zu Tegel, wo nach der BER-Eröffnung real mit einem ambitionierten Stadtumbau begonnen wird. Wieder eine verpasste Chance, nach dem verunglückten Stadtforum im letzten Jahr, der stadttransitorischen Debatte in Berlin einen merklichen Dreh nach vorne zu geben!

Dabei hatte die 3. Stiftungsrede ("Die transformierte Stadt") substanziell begonnen. Nach einem kleinen polemischen Aufgalopp gegen die Anhänger der "Großen Transformation" arbeitet Welzer gut den "persistenten" Charakter von Städten heraus. Während Königreiche, Nationen und andere Herrschaftssysteme um sie herum zerfallen, bleiben Städte bestehen, überdauern Jahrhunderte bis Jahrtausende. Werden sie zerstört, durch Erdbeben oder Krieg, dann bauen die Menschen sie an gleicher Stelle wieder auf. Warum? Weil Städte neben ihren wirtschaftlich-materiellen Vorteilen auch eine "Identitäts-Ressource", eine soziale "Wir-Funktion" bieten. Diese "soziale Intelligenz", die in den Städten, genauer: ihren Menschen steckt, das ist die Hauptbotschaft der Welzerschen Rede. Er variiert diesen Punkt in unterschiedlichen Kontexten, immer mit der Betonung, dass diese soziale Ressource viel zu wenig bei der Gestaltung der Stadt genützt werde.

Zu sehr sei Stadt in den Händen von "Experten" wie Stadtplanern und Verwaltern, dabei seien doch die echten Fachleute für das Leben in und die Nutzung der Stadt die Bürger selbst, die in ihr wohnen und arbeiten. Welzer gefällt es, Fronten aufzubauen, didaktisch und rhetorisch ist das nützlich. Die Wissenschaftler, was wissen die schon vom Leben in der Stadt! Und die entscheidungsmächtigen Politiker genauso! Sie wollen uns eine energieeffiziente Stadt umbauen, mit viel teurem Hightech-Schnickschnack. Dabei würde - wohl ein gegriffene Zahl - sich der Energieverbrauch einer Stadt bei null Technik-Einsatz um 20 Prozent verringern lassen, wenn die "soziale Intelligenz als Ressource" genützt würde, wenn Bürger sich das Auto teilten, Einkaufsgemeinschaften bildeten usw. Nachhaltigkeit durch Solidarität (ähnlich auch der Tenor der Spiegel-Titel diese Woche, in der Welzer ebenfalls als Protagonist aufgeführt wird).

Welzer appelliert, die "Stadt anders zu denken". Völlig falsch sei es, sich die Zukunft der Stadt als "hochskalierte Gegenwart" auszumalen, so wie heute, aber mit viel Elektroautos. Der Ansatz müsse sein, von den Zielen her zu denken, wie etwa einer neuen Qualität des Stadtraums, ohne die Diktatur des Autoverkehrs, Straßen ohne Krach und Lebensgefahr. Einzelne Aktionen, wie die Salzburger Gras-Ausroller, versuchen die Utopie wenigstens stundenweise zu antizipieren. Stärker denn je sieht Welzer diese Grasroot-Ansätze in den Städte am Keimen und Sprießen, etwa die Bewegung der "Gemeinschaftsgärten", die sich von Berlin aus binnen weniger Jahre wie eine gesunde Infektion in den Metropolen des Westens verbreitet habe. Die organisatorische Fassung dieser Ansätze stelle die "Transition Town"-Bewegung dar.

Städte sind in Welzers Augen der ideale Ort, der beste Humus, um solche "Real-Labore" für Veränderungen mit den Bürgern und in ihrem Alltagsleben aufzusetzen. Die Beispiele dafür sprudeln nur aus ihm heraus. In seiner Futurzwei-Stiftung werden sie systematisch gesammelt. Repair-Cafes als Gegenbewegung gegen die Produkt-Obsoleszenz, Berlin ist voller Tauschbörsen, neues Projekt ist das Baden in der Spree. Vor einen Jahrhundert gab es 18 Flußbäder in Berlin, warum soll das nicht wieder möglich sein? Die "eßbare Stadt Andernach" lässt kommunale Grünflächen mit Gemüse bepflanzen, zur Verkostung durch die Bürger. Jetzt hat Mainz als erste Großstadt einen ähnlichen Beschluss gefasst.

Vieles ist möglich, wenn die Bürger es anpacken, ist Welzers Message. Seine fortgesetzte Wissenschaftskritik fällt hier, im Allianz-Haus, dosiert aus. Vorsicht: Oben hat der Stifterverband für die deutsche Wissenschaft sein Berliner Büro.
Gastgeberin Regina Lorenz vom Allianz Stiftungsforum Pariser Platz ist von Welzers Tour d'horizon begeistert: "Visionärer, pointierter hätte es nicht ausfallen können".

Die 30 Plätze zum Besuch der Futurzwei-Stiftung am andern Tag werden nach dem Windhund-Prinzip vergeben, strenge Wettbewerbs-Bedingungen. InnoMonitor ist nicht dabei, deshalb kein Bericht über diesen Termin der Stiftungswoche.

Manfred Ronzheimer für InnoMonitor Berlin-Brandenburg

 

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Teile von Welzers Rede finden sich auch hier:

Soziale Intelligenz baut anders
Text auf Futurzwei vom 27. März 2014

 


PRESSEMITTEILUNG - Berlin, 31. März 2014

 

Vom Leben in der Stadt

- Berliner Stiftungswoche startet am 1. April
111 Veranstaltungen an 11 Tagen - Senator Thomas Heilmann würdigt das breite Engagement - Gewinner des Fotowettbewerbs bekannt gegeben

 

Mit der hohen Beteiligung von 120 Stiftungen startet die 5. Berliner Stiftungswoche am 1. April. An insgesamt elf Tagen erwarten die Berliner 111 Veranstaltungen, 75 Projektvorstellungen und 20 Ausstellungen. Unter dem Schwerpunktthema „Vom Leben in der Stadt - Verantwortung für Veränderung" finden in ganz Berlin Lesungen, Workshops, Diskussionen, Stadtspaziergänge und Mitmach-Aktionen statt. Die Berliner Stiftungsrede mit dem Titel „Die transformierte Stadt" hält Harald Welzer am 2. April im Allianz Forum Pariser Platz.

Regine Lorenz, Leiterin des Allianz Stiftungsforum und Sprecherin des Lenkungskreises der Berliner Stiftungswoche, erklärte dazu auf einer Pressekonferenz im Roten Rathaus: „In den Städten erleben wir besonders, wie rasant sich unsere Gesellschaft verändert: vom demographischen Wandel, über Integration und Bildung bis zu Veränderungen in der Arbeitswelt. Das Leben in der Stadt pendelt zwischen den Anstrengungen des urbanen Alltags und dessen Verklärung als ultimativem Lebensstil. Diesen Facetten widmet sich die Stiftungswoche." Schirmherrin ist, wie in den vergangenen Jahren, Christina Rau.

Die Pressekonferenz fand im Beisein von Thomas Heilmann, Senator für Justiz und Verbraucherschutz, statt. Senator Heilmann würdigte das breite Engagement der Stiftungen als Bereicherung für die Hauptstadt: „Stiftungen können Dinge, die der Staat strukturell nicht kann. Stiftungen können Neues entwickeln, ständig verbessern, sie können unbürokratisch helfen. Und sie sind ein Instrument, den Staat besser zu machen, durch kritische Begleitung, durch Vorschläge, durch Erinnerung und durch öffentliche Meinungsbildung. Die Stiftungswoche ist ein lebendiges Schaufenster dieses für die Stadt so wertvollen Engagements."

Erstmals wurde im Vorfeld der Stiftungswoche ein Fotowettbewerb für Jugendliche im Alter von 14 bis 20 Jahren durchgeführt; gemeinsam mit der C/O-Galerie und dem Projekt Spreewild zum Thema „Vom Leben in der Stadt - Zeig uns deine Welt". Dabei belegte das Foto „BMX-Ramp im Mellowpark" von Kira Hofmann, 14, aus Berlin den ersten Platz. Der zweite Platz wurde zwei Mal vergeben - an Konstantin Delbrück, 17, aus Berlin und Amelie Angermann, 19, aus Koblenz. Platz 3 belegte Jelena Vaisburd, 16, aus Berlin. Als Preise erhalten die Gewinner am 9. April jeweils eine Kamera und die Möglichkeit, Praktika in Stiftungen zu absolvieren.

Auch die Beauftragte des Senats für Bürgerschaftliches Engagement, Staatssekretärin Hella Dunger-Löper, freut sich auf die bevorstehende Stiftungswoche: „Im „städtischen Leben", das ja diesmal im Zentrum der Stiftungswoche steht, werden das bürgerschaftliche Engagement und die Rolle der Stiftungen immer bedeutsamer. Sie sind ein Ausdruck des Strebens nach Selbstwirksamkeit, also der Erfahrung, selbst etwas bewirken und gesellschaftlich voranbringen zu können. Und deshalb wächst auch die Bereitschaft, „Verantwortung für Veränderung" zu übernehmen. In diesem Sinne wünsche ich der 5. Stiftungswoche viel Erfolg dabei, noch mehr Menschen in unserer Stadt zu involvieren."

Die Berliner Stiftungswoche findet seit 2010 zum fünften Mal in Folge statt. Sie ist eine Initiative der Berliner Stiftungsrunde. Dort treffen sich rund 30 Stiftungen und Organisationen, die aus Berlin kommen oder hier eine Repräsentanz haben. Das Programm ist online verfügbar: www.berlinerstiftungswoche.eu

Kontakt für Redaktionen: Stefan Engelniederhammer, Geschäftsführer, 030 814 66 500 - presse@berlinerstiftungswoche.eu

 

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